Rund acht Jahre Zeit hatte die Branche, um Erfahrungen mit dem  Riestergeschäft  zu  sammeln. Auch der zweite Teil der Untersuchung zu Renten-Rechnern enthüllt erschreckende Mängel.
Nur eine Minderheit der über 50 untersuchten  Riester-Förderrechner  gibt Auskunft über die individuelle Riesterförderung über das Jahr 2009 hinaus. Dies ist erstaunlich. Immerhin geht es bei dem Abschluss eines Riestervertrags um eine Investition, die über Jahrzehnte andauert. Der Interessent wird meist mit der Frage alleingelassen, ob und wie sich die staatliche Förderung im Laufe der Vertragsjahre verändert.

Um die Masse der Riester-Förderrechner vergleichen zu können, beschränkte sich die Untersuchung auf die Riesterförderung des Jahres 2009. Es wäre zu erwarten gewesen, dass es nur marginale und damit tolerierbare Abweichungen geben würde. Doch weit gefehlt. In der Mai-Ausgabe von Versicherungsmagazin wurden die ersten 16 Riester-Förderrechner anhand von vier Testfällen miteinander verglichen – es gab 16 unterschiedliche Ergebnisse! Keiner dieser Rechner rechnete korrekt. Die Höhe der Abweichung und deren Häufigkeit sind besorgniserregend und nicht die Existenz einzelner spektakulärer Ausreißer.

Ein potenzieller Kunde, der sich im Vorfeld eines Riester-Abschlusses im Internet einen Überblick hinsichtlich seiner Riesterförderung verschaffen möchte, erhält mit hoher Wahrscheinlichkeit drei sehr unterschiedliche Auskünfte – und hat zuvor sehr unterschiedliche „unverzichtbare“ Angaben machen müssen. Der eine  Rechner  will  das  Einkommen  des Ehepartners  wissen,  der  zweite  erfasst dieses Einkommen überhaupt nicht und will stattdessen nur die Steuerklasse des Kunden erfahren und der dritte macht offenbar die Förderhöhe vom Vornamen der Kinder abhängig, von denen ein anderer nur wissen will, ob sie vor oder nach dem 1. Januar 2008 geboren wurden.

Die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse dürfte erhebliche Zweifel an der Kompetenz und an der Glaubwürdigkeit der Anbieter aufkommen und das Interesse an einem Abschluss erlahmen lassen.

Stellen die Rechner aus der Mai-Ausgabe von Versicherungsmagazin die Negativ-Auslese dar oder sind sie repräsentativ? Die Antwort ist ernüchternd. Nur zwei Probanden haben sowohl die Zulagen als auch die Riestersteuerförderung richtig berechnet. Bei der Steuerförderung gab es einige, die noch das alte Steuerrecht für 2009 anwandten. Andere berücksichtigten bereits die in diesem Jahr rückwirkend in Kraft getretene Steuerreform 2009. Nur zwei Riester-Förderrechner absolvierten alle vier Testfälle einwandfrei: der des LVM aus Münster und des Bundesversorgungswerks aus Hamburg.

Würde man sich allein auf die Bewertung der Zulagenförderung beschränken, so gibt es weitere erwähnenswerte Anbieter – nämlich zusätzlich Hannoversche Leben, R+V, Schwäbisch Hall, Stuttgarter und Universa (siehe Kasten rechts). Wäre in den Testfällen 3 und 4 allerdings das erstgeborene Kind nur einen Tag später geboren, so hätten nur das Bundesversorgungswerk, die Hannoversche Leben und
die R+V immer noch fehlerfreie Zulagenberechnungen.  Das  häufig  übersehene Auseinanderfallen von Kindergeldberechtigung und Kinderzulagenförderung im letzten Kalenderjahr der Kinderzulagenförderung lässt die anderen patzen. Die Behandlung der Kinderzulagen ist bei der R+V vorbildlich gelöst. Nicht nur, dass die Zulagen korrekt berechnet werden, überraschende Ergebnisse werden sogar dem Kunden erläutert.

Nicht  im  Fokus  der  Untersuchung standen die Riesterförderungen während der  gesamten  Vertragsverlaufszeit,  weil nur  wenige  Anbieter  hierzu  überhaupt Auskünfte geben. Diese sind der AWD, das Bundesversorgungswerk, die DWS und die Helvetia.  Einige  weitere  geben  zur  Gesamtförderung oder für einige ausgesuchte sind Badenia, CiV, Commerzbank, Deut-sche Bank, Gothaer, LBS, Mannheimer, Postbank,  Provinzial  Rheinland,  R+V, Stuttgarter, Union Investment und Victoria. Die Auskünfte zur Riesterförderung über das aktuelle Jahr hinaus sind im Prinzip erfreulich. Die Freude wird meist dadurch  getrübt,  dass  die  Angaben  nicht korrekt sind. Es werden einfach die Zahlen von 2009 oder 2010 für die Folgejahre fortgeschrieben  –  manchmal  ohne  Berücksichtigung von wegfallenden Kinderzulagen oder Veränderungen des zu versteuernden  Einkommens  durch  das Alterseinkünftegesetz.

Verpasst wird so die Chance, den potenziellen Kunden über seine Investitionsmittel aufzuklären. Dies blitzt beim AWD etwas auf und wird nur vom Berufsversorgungswerk umfassend dargestellt. Neben der Zulagen- und Riestersteuerförderung können  hier  die  Steuerersparnisse  der Steuerreformen der Jahre 2009 und 2010 sowie die zukünftigen, zusätzlichen Steuerersparnisse des Alterseinkünftegesetzes zu- und abgeschaltet werden. Dies kann wahlweise tabellarisch für jedes Jahr, summarisch oder grafisch dargestellt werden. Der  dominierende  Fehler  auch  im zweiten Teil der Studie ist die Missachtung der Einkommensbezugsgrößen für die Zulagen-  und  die  Riestersteuerförderung. Wird für die Zulagenförderung das rentenversicherungspflichtige Einkommen allein des unmittelbar Förderfähigen benötigt, so sind für die Riestersteuerförderung zusätzlich  alle  weiteren  (einkommensteuerpflichtigen)  Einkünfte  notwendig.  Bei Ehepaaren sogar die entsprechenden Einkünfte des Partners. Wird dies bei der Datenerhebung nicht berücksichtigt, so werden die Ergebnisse automatisch falsch.

Gefährlicher Drang zur  Vereinfachung

Im  zweiten  Studienteil  tauchen  neue Merkwürdigkeiten  auf.  So  werden  die  Riesterförderungen statt mit den eingegebenen, individuellen Werten mit Daten von – mehr oder weniger ähnlichen – Mus-terfällen durchgerechnet. Dies tritt insbesondere bei der HUK-Coburg und bei LBS auf. Bei der LBS werden die Förderungen mit  Musterfällen  durchgerechnet  und  diese dann summarisch über die gesamte Laufzeit angegeben. Dabei wird zwar deutlich gemacht, dass es sich um Musterfall-Berechnungen handelt – allerdings ohne ein Gefühl zu vermitteln, wie stark das individuelle Ergebnis vom Ergebnis des verwandten Musterfalls abweicht. Doch selbst die Berechnungen mit den Musterfällen hielten einer Nachrechnung nicht stand. Bei der HUK-Coburg wird dagegen die Förderung detailliert von 2009 angegeben – aber unabhängig vom eingegebenen  Riester-Jahresbeitrag  stets  von einem zulagenoptimierten Riesterjahres-
beitrag.

Eine andere Besonderheit ist der Drang zur „Simplifizierung“ der Eingaben – nach dem Motto „Je weniger Eingaben um so besser“. Die Folgen sind Riester-Förderrechner mit hohem Unterhaltungs- und geringem Informationswert. Beispiele dafür liefern das Sparkassen-Finanzportal und noch deutlicher die Provinzial Versicherung in Kiel. Hier werden gerade noch das Einkommen (welches?) und die Kin-
derzahl (von wem?) – getrennt nach Geburtstag vor und ab dem 1. Januar 2008 – abgefragt. Familienstand und weitere Stammdaten werden nicht erhoben, dennoch werden Riesterförderauskünfte gegeben. Das Finanzportal erhebt immerhin bereits maximal sechs Daten, verschämt in einer Ecke der Maske.

Jedem der Anbieter wurde Gelegenheit gegeben, zu seinen Ergebnissen Stellung zu nehmen. In den Antworten offenbarten sich (zu) häufig Unkenntnis und Fehleinschätzungen gesetzlicher Vorschriften. Offenbar ist die Abnahmequalität bei den Probanden optimierungsfähig. Dies gilt besonders für Direktversicherer, bei denen kein Außendienst falsche Auskünfte des Internet-Förderrechners  im  Kundengespräch berichtigen kann. Verblüffend ist auch, dass es in Versicherungskonzernen mit mehreren Gesellschaften nicht nur unterschiedliche  Riester-Förderrechner gibt,  sondern  dass  auch  die  Ergebnisse stark differieren – wohlgemerkt bei gleichen Testfällen.

Insgesamt  ist  das  Ergebnis  für  die  Finanzdienstleistungsbranche ein Debakel. Potenzielle Kunden, die sich bei mehreren Anbietern über ihre Förderungen kundig machen wollen, werden durch die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse und der Fokussierung der Förderauskünfte für ein Jahr kaum zu langfristigen Investitionen in ihre Altersvorsorge animiert. Die vorhandene  Vertrauenskrise  in  der  Finanzdienstleistungsbranche  kann  so nicht behoben werden.

Verbesserungen sind angesagt! Erfreulich ist, dass zahlreiche Probanden Verbesserungen angekündigt haben. Dies sind unter anderem Asstel, Badenia, Debeka, Deutscher Ring, DEVK, Hamburger Sparkasse,  Hannoversche  Leben,  Mannheimer, Nassauische Sparkasse, R+V und Zurich. Das wird weitere Unternehmen zu Nachbesserungen bewegen. Dies wird in einem Folgebeitrag bewertet werden.

Autor(en): Dr. Johannes Fiala und Dr. Wolfgang Drols

Quelle: Text als PDF herunterladen Ausgabe Nr.: 2009-06