Es ist schon erschreckend, dass sich die Finanzdienstleistungsbranche beim Riester-Förderrechner dermaßen blamieren kann. Die
„Financial  Times  Deutschland“  titelte angesichts  dieser  Ergebnisse  im  Juni 2009: „Online-Rechner zur Riester-Rente patzen“ und das „Versicherungsjournal“  fragte  treffend:  „Welche  RiesterFörderung  hätten  Sie  gerne?“  Nahezu jede  Riester-Förderungshöhe  scheint
möglich zu sein. Man muss nur den passenden Falschrechner finden.

Verblüffend  ist,  dass  unterschiedliche  Konzern-Versicherungsgesellschaften  nicht  nur  unterschiedliche Riester-Förderrechner  einsetzen,  sondern dass diese prompt sehr unterschiedliche Förderungen ausrechnen – wohlgemerkt bei gleichen Testfällen (zum Beispiel Ergo, Generali). Ähnliches gilt für Verbünde wie Sparkassen. Hier reicht die Auswahl der Riester-Förderrechner mit fragwürdigen,  mageren  Auskünften (Sparkassen-Finanzportal)  bis  hin  zu vorbildlichen  Lösungen  (Sparkasse Hildesheim).

Angebotsrechner rechnen falscher als Riester-Rechner

Doch manchmal schafft ein Anbieter die Konfusion auch ohne fremde Hilfe. So unterscheiden sich die Förderauskünfte des  separaten  Riester-Förderrechners nicht selten von denen des Riester-Angebotsrechners desselben Versicherers! In der Regel rechnet der Angebotsrechner noch falscher als der Riester-Rechner, da der Nachbau von Gesetzesänderungen in Tarif-  und  Angebotsrechnern  schwie
riger ist als in „einfachen“ Riester-Förderrechnern. In den vergangenen Monaten haben sich einige Verbesserungen bei den  Riester-Förder-Rechnern  ergeben. Doch  die  Geisterfahrer  bilden  immer noch die absolute Mehrheit. Sie ist etwas geschrumpft,  da  einige  Probanden  es vorgezogen haben, ihren Riester-Förderrechner abzuschalten. Viele von ihnen hatten noch im Frühjahr Verbesserungen angekündigt. Die Begründungen für das Abschalten waren unterschiedlich. Sie reichten von der Aussage, dass man erkannt  habe,  aus  rechtlichen  Gründen
gar keine Aussagen zu Steuerförderungen machen zu dürfen, über Aussagen, dass der  Verantwortliche  seit  Jahren  nicht mehr im Hause sei, bis hin zur – plötzlichen – Erkenntnis, dass die Betreibergesellschaft verkauft worden oder dass die  Click-Rate  zu  gering  sei.  
Von  den verbliebenen  Riester-Förderrechnern gingen 70 Prozent unverändert in den Nachtest. Zwölf Riester-Förderrechner wurden  verändert  –  meist  verbessert. Ausnahmslos alle Probanden, die bereits im  Frühjahr  positiv  aufgefallen  sind, haben Verbesserungen vorgenommen.

Nur fünf Rechner haben die Testfälle gut überstanden

Doch nicht alle Veränderungen waren ausreichend. Gerade fünf Rechner haben die Testfälle vorbildlich und fehlerfrei überstanden. Dies sind die Riester-Förderrechner  vom  AWD,  Bundesversorgungswerk, LVM, R+V und Sparkasse Hildesheim. Doch nicht nur die unterschiedlich falschen  Förderprognosen  lassen  den Ratsuchenden  bei  den  mangelhaften Rechnern verzweifeln, sondern bereits die unterschiedlichen  Eingabe-Anforderungen irritieren den User. Einige Beispiele: Verweigert sich der eine Riester-Förderrechner, wenn bei Ehepaaren nur ein  Verdiener  existiert,  so  streikt  der nächste bei Doppelverdienern. Bei dem einen Rechner sind die Vornamen der Kinder einzugeben (Pflichteingabefeld) und im anderen Rechner reicht die Kinderanzahl. Viele Rechner verzichten auf Plausibilisierungen. So sind Eingaben als kinderlose Alleinerziehende ebenso möglich wie die von zwei mittelbar förderfähigen  Ehepartnern.  Ähnliches  gilt  für Hilfen. Meist fehlen sie dann, wenn sie besonders gebraucht werden.

So  muss  der  Anwender  manchmal selbst herausfinden, dass das nachgefragte Vorjahreseinkommen  sich  nur  auf  rentenversicherungspflichtigen den Einkommensanteil von 2008 bezieht, während die gleich formulierte Frage für 2009 alle einkommensteuerpflichtigen Einkünfte außer abgeltungsteuerpflichtigen Kapitalerträgen meint. Nicht selten dürften dem Probanden die Unterschiede auch nicht klar sein. Nur wenige haben ihre Hilfen verbessert.  Dazu  gehört  die  Provinzial Nordwest und ist dabei noch vorbildlich.

Nahezu jeder denkbare Fehler ist zu finden

Der mit Abstand häufigste Erhebungsfehler ist die mangelnde Unterscheidung zwischen  den  rentenversicherungspflichtigen Einkünften (wichtig für die Riester-Zulagenförderung) und den restlichen  einkommensteuerpflichtigen Einkünften (wichtig für die Riester-Steuerförderung).  Nahezu  jeder  denkbare Fehler findet sich in irgendeinem Rechner wieder.

Zu  den  Erhebungsfehlern  gesellen sich dann auch noch Berechnungsfehler – etwa, dass Steuertabellen von 2007 (!) genutzt  oder  dass  Lohnsteuerberechnungen  durchgeführt  werden,  die  bei Familien  mit  Kindern  die  Ergebnisse grundsätzlich verzerren. Einige entziehen sich dieser Erhebungs- und Berechnungsproblematik, indem sie sich nur auf die Angaben zur Zulagenförderung beschränken (zum Beispiel Bausparkasse Mainz,  Mannheimer  Versicherungen, Provinzial Nordwest). Spätestens dann, wenn nur noch die Zulage des laufenden
Jahres angezeigt wird, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Rechners. Der Ratsuchende erwartet mehr als eine animierte Zulagentabelle.

Auskünfte oftmals äußerst dürftig

Daher sind nicht nur die Erhebungs- und Berechnungsgüte erschreckend, sondern oft auch der magere Umfang der Auskünfte. Drei von vier Rechnern beschränken  sich  darauf,  Förderauskünfte  für 2009 und gegebenenfalls 2010 zu geben. Verglichen mit einer Prämiendauer, die sich in Jahrzehnten bemisst, ist die alleinige  Angabe  zur  Riester-Förderung  im Jahr 2009 mehr als dürftig. Dies scheinen auch einige Probanden gesehen zu haben. Als Ausweg haben sie die Riester-Förderungen in 2009 einfach in die Zukunft fortgeschrieben. Bei Kinderzulagen wird dann implizit oder gar explizit unterstellt, dass die Kinderzulagen des Jahres 2009 „auch  im  gesamten  Betrachtungszeitraum gewährt werden“. Dies trifft aber nur für behinderte Kinder zu.

Einige machen es geschickter – aber nicht wirklich richtig. Sie reduzieren – nicht immer fehlerfrei – die zukünftige Zulagenförderung um die wegfallenden Kinderzulagen und erhöhen im gleichen Maß die Steuerförderung. Diese falschen Fortschreibungspraktiken  lassen  sich aber  leicht  entlarven.  Und  zwar:  Gibt man  die  Daten  eines  ledigen,  kinderlosen Riester-Förderfähigen ein und verändert sich die Steuerförderung des Jahres  2009  in  den  Folgejahren  nicht,  so demaskiert  sich  der  Rechner  als  Täuschungsmanöver. Dies geschieht bei den fünf  Testsiegern  nicht.  Sie  haben  alle Testfälle für zukünftige Förderungen ohne  Beanstandungen  überstanden.  Bei den anderen Rechnern fehlten entweder Auskünfte  oder  sie  waren  dramatisch falsch.

Damit erfüllen gerade einmal zehn Prozent der überprüften Rechner die Erwartungen eines Ratsuchenden, der wissen will, wie hoch die Gesamt-Riester-förderung während der Vertragslaufzeit ist  –  möglichst  im  Vergleich  zum  Gesamt-Prämienaufwand. Die unterschiedlichen Ergebnisse der Erhebungen sowiedie dürftigen Auskünfte der Nicht-Testsieger lassen erhebliche Zweifel an der Kompetenz und an der Glaubwürdigkeit dieser Anbieter aufkommen.

Ob derartig falsche Förderauskünfte der alleinige Grund für die gegenwärtige Abschlussflaute darstellen, darf bezweifelt werden. Aber dass sie die Flaute eher verstärken als überwinden helfen, ist unzweifelhaft. Insofern leisten die falschen Rechner  der  Altersvorsorge  und  ihrer stärkeren Nachfrage in Deutschland einen Bärendienst. Riester-Förderrechner unterscheiden  sich aber  nicht  nur  hinsichtlich Prognosegüte und Auskunftsumfang,  sondern  auch hinsichtlich ihrer Akquise-Unterstützung, die  nicht  zum  Prüfungsumfang gehörte. Hier brillieren erneut die  Testsieger.  Die Sparkasse Hildesheim ergänzt ihren Riester-Förderrechner um einen kompletten VorsorgeCheck  des  niedersächsischen  Sparkassenverbandes, mit dem  der  Vorsorgebedarf  erkannt  werden kann. Viele Testsieger – wie die LVM oder der AWD – ergänzten die (vertragsgebundenen) Riester-Förderungen um weitere staatliche Steuerförderungen.

Für ein gutsituiertes Ehepaar wird bei der LVM deutlich wie hoch die Riester-Beiträge über die gesamte Laufzeit sein werden (121.800 Euro) und wie viel der Staat dazu beisteuert: an Zulagenförderung bescheidene circa 9.000 Euro und an Riester-Steuerförderung über 46.000 Euro. Hinzu kommen noch verblüffend hohe Steuerentlastungen durch das Alterseinkünftegesetz, wobei nur die zukünftigen Steuererleichterungen berücksichtigt sind, an die sich der Kunde noch nicht gewöhnt haben kann.

Die Steuerreformen der Konjunkturpakte  I  und  II  bringen  weitere  16.000 Euro. Damit stehen fast 28.000 Euro an Steuerersparnissen zur Verfügung, wobei alle Riester-Prämien allein durch staatliche  Förderungen  finanziert  wurden. Wäre hier bereits das Bürgerentlastungsgesetz berücksichtigt worden, so wäre der Geldbeutel mit unverbrauchten Investitionsmitten mit fast 100.000 Euro ge-
füllt.

Kunden investieren ungewollt in ihre Altersarmut

Die meisten der geprüften Riester-Förderrechner begnügen sich mit plumpen Hinweisen  zur  Zulagenförderung  oder sogar  zur  Riester-Steuerförderung  für  2009. Dies reduziert den Aufwand für die Programmierer von Riester-Förderrechnern.  Aber  es  werden  große  Akquisechancen  vergeben.  Das  schadet nicht nur den Finanzdienstleistern, sondern erst recht dem Kunden. Unaufgeklärt verkonsumiert er die hohen staatlichen  Steuerförderungen, die für den Aufbau seiner individuellen Vorsorge gedacht sind, und investiert ungewollt in seine Altersarmut.

Autor(en): Dr. Wolfgang Drols

Quelle: Text als PDF herunterladen Ausgabe Nr.: 2009-10